»Zwiegespräche«

Du.

Du bist so weit weg. Starrst Wände an, den ganzen Tag, dein Blick ist leer. Wie lange haben wir schon nicht mehr miteinander geredet, ich meine richtig. Früher konnten wir noch diskutieren, über alles Mögliche und heute, da windest du dich aus jeder Umarmung, jedem Streit wie ein glitschiger, kalter Aal. Morgens bekomme ich dich kaum aus dem Bett. Du seist so müde, sagst du, aber wovon denn? Vielleicht bist du immer zu lange auf; ich kann mich kaum noch erinnern, wann wir zuletzt zusammen schlafen gegangen sind. Ich bemerke immer erst spät nachts, dass du plötzlich mit dem Rücken zu mir da liegst und meistens atmest du ganz schwer, so als würdest du schlecht träumen. Oder es kommt vom vielen Rauchen. Essen tust du auch nicht gerade gesund, immer diese mitternächtlichen Hungerattacken. Machst du das aus Langeweile oder hast du wirklich Hunger? Kalt ist dir auch ständig, aber du bist doch nicht krank. Und mit anderen Leuten willst du auch nichts mehr zu tun haben, dabei versuch ich doch immer, dich einzubringen, dich mit Anderen bekannt zu machen. Es geht mir nicht in den Kopf, wie man es mögen kann, isoliert zu sein. Macht es dir gar keinen Spaß? Du hast letzten Abend doch ganz gut drauf gewirkt. Du solltest das endlich mal in den Griff bekommen, über deine Zukunft nachdenken. Ich hoffe es ist alles okay mit dir. Ich mache mir doch nur Sorgen.

Zwischen-Ich.

Der Weg des geringsten Widerstandes hat dich verkrüppelt, dir die Beine gebrochen, lässt dich nach Außen hin aber immer irgendwie gleichgültig wirken. Die ständige Reibung, an Anderen, an dir selbst, sie hat so viel von deiner ursprünglichen Fasson abgetragen, dass deine Hülle löchrig und porös geworden ist. Eigentlich hast du nie die Kontrolle verloren, hattest immer alles Nötige im Hinterkopf, aber der ist mittlerweile ein alter Leierkasten mit abgebrochener Kurbel. Du stimmst immer nur zu, lenkst ein, gehst Kompromisse kompromisslos ein, sagst Ja zu fast Allem oder schweigst um nicht Nein sagen zu müssen. Du lässt deine Seele verhungern, schiebst Dinge auf und Menschen von dir, stopfst dich aber voll mit fettigem Essen, ersäufst in Koffein und Zucker und erstickst in Nikotin. Es war mal ein Lebensgefühl, das du gern hattest, jetzt ist es dein Leben. Deine Augen sehen nichts Schönes mehr, denn du verschließt sie vor dem was kommt und suchst fieberhaft mit ihnen nach dem was war. Der Augenblick ist des Blickes nicht wert und so stehst du stets neben dir, erwartungslos manisch schiebst du die Uhrzeiger nach vorn, bis wieder eine Stunde vergeht, ein Tag und ein Monat. Du bist so ruhelos, aber immer müde, bist ziellos eilig und steckst irgendwo fest zwischen Jetzt und Gleich, Gestern und Niemals. Die Zukunft ist ein Spiegel und du siehst durch dich hindurch.

Ich.

So wart ich still bis es vergeht.

© Joona Vessmier
2011

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