»When I die, will I go?«

Ich hasse es, keine Zeit zu haben und ich hasse es noch mehr, zu viel Zeit zu haben. Ich hasse es, wenn ich den tauben Haufen Scheiße in meinem Schädel schlagen und treten muss, bis ich ihm einen zusammenhängenden Gedanken rausleiern kann und ich hasse es wenn dabei nur Mist rauskommt. Ich hasse jedes einzelne Wort, das ich versuche aufzuschreiben und dass ich einfach nur kotzen will, aber nicht kann, weil alles leer ist. Ich hasse Gutmenschen und die, die Gutes tun, nur um sich gut zu fühlen. Ich hasse es, dass nur Wut mich morgens aufwachen und nur Resignation mich einschlafen lässt. Ich hasse all die Gedanken, die im Unterbewusstsein aufkochen wie ein toter Schwefeltümpel und in die Untiefen desselben zurücksickern bevor ich sie greifen kann. Ich hasse es, mich fast nie an Träume erinnern zu können, obwohl sie doch die einzig wahren lebendigen Momente in meinem Gedächtnis sind. Ich hasse die Taubheit hinter meinen Augen, die sich giftig ausbreitet, Hirnmasse aufbläht und zu allen Seiten drückt, mir Kopfschmerzen bereitet und mich so furchtbar müde macht. Ich hasse diese allumfassende, alles einnehmende Müdigkeit, die sich durch Mark und Bein arbeitet und meine Glieder wie die krummen Äste eines alten Baumes lähmt. Ich hasse es, manchmal so viel überschäumenden Hass in mir zu haben, der nichts außer einen weiteren niederdrückenden Augenblick der Resignation hervorbringt. Ich hasse jeden Blick auf das hässliche Display meines Smartphones, das mir nichts als Gründe dafür an die Rückseite meiner Augen spuckt, es einfach auszuschalten und nicht mehr anzugucken, aber ich nicht kann, weil ich einen Leierkasten unter meiner Schädeldecke habe, der nicht weiter als um seine eigenen drei Zahnräder denken kann und sich von Kreis zu Kreis schwingt, nur um hin und wieder mal stecken zu bleiben, sich zu krümmen und zu biegen und dann in das nächste schwindelerregende Kontinuum geschleudert zu werden. Ich hasse jede zweite Zigarette, die ich rauche, die bleiern und kalt in Lunge und Kopf evaporiert und sich an gläsernen Hirnwindungen festklebt wie Straßendreck.

Manchmal möchte ich einfach nur genießen und mich nicht fragen, wie spät es ist und wie lange ich noch habe für all das, was ich sowieso nicht mache und mir nur vornehme, ewig vor mir herschiebe wie ein kaputtes Fahrrad, das jedes Mal in sich zusammenfällt, wenn ich mich optimistisch draufschwinge. Manchmal möchte ich nur ein Ziel haben und es verfolgen und erfüllen und nicht Kartenhaus auf Kartenhaus stapeln, bis ich den Rest meines Lebens regungslos obendrauf sitzen und darauf warten muss, dass alles zusammenklappt und mich unter den halben Ideen, geviertelten Bemühungen und hundertfach zerteilten Versuchen verschüttet. Manchmal möchte ich nichts mehr, als einen Weg finden, der mich von all dem Ballast, den ich auf meinem Rücken nicht mal genau sehen kann, befreit und ich nicht jedes Mal alle um mich herum enttäuscht oder ernüchtert zurücklasse um in meiner eigenen Ernüchterung unterzugehen und mich zu fragen, wann das endlich alles aufhört, wann ich wieder Dinge tun können werde, wenn ich sie tun will und mich nicht mehr in der Endlosschleife von Reue und Aufschub, Vertröstung und vager Zukunftshoffnung verknäulen werde.

Manchmal glaube ich, mich noch nicht gefunden zu haben, weil ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, zu suchen. Manchmal glaube ich, dass ich von mir selbst und von allen möglichen Dingen, die ich gar nicht aufzählen kann, in eine Ecke getrieben wurde und es aus Angst vor all den kleinen und großen Dingen, denetwegen ich bin wo ich bin und die sich zu einer lauernden monstergoßen Metaphysis aufgetürmt haben, nicht wage, mich umzudrehen und das weite Feld zu suchen beginne, das mein Bewusstsein eigentlich sein sollte. Manchmal glaube ich auch, dass ich gar nicht in eine Ecke gedrängt bin und vielleicht steht tatsächlich irgendwo eine monstergroße Metaphysis, die ihre grausigen Zähne aus verdrängten Flashbacks in mein Bewusstsein rammen will und ich taste mich unentwegt mit in den Kopf gerollten Augen an ihr entlang, setze vorsichtig Fuß vor Fuß auf den Stufen aus diesem düsterfeuchten Keller, aber komme nie oben an, weil man mit geschlossenen Augen nun mal immer damit endet, im Kreis zu laufen. Manchmal, wenn mich die Sonne blendet, dann glaube ich, sie sei gar nicht real und ich hätte sie mir traumestrunken nur eingebildet, dabei ist genau das die Einbildung und dann kauere ich Nacht für Nacht noch etwas geduckter, angelehnt an ihren kalten Leib. Manchmal glaube ich, dass meine jahrelang antrainierte Gleichgültigkeit sich in diesen Nervennexus aus Antimaterie verwandelt hat, der nun zum Teil oder sogar gänzlich für alles verantwortlich ist, denn manchmal glaube ich, dass es auch sein Schlechtes hat, wenn einen nichts mehr überrascht, nichts mehr wirklich ärgert oder erschrickt, weil man sich dann nämlich auch über nichts mehr wirklich freut und nicht mehr wirklich glücklich ist.

© Joona Vessmier
2012

Share your thoughts