»Schwarm«

Ein Insekt flog vorüber, schlängelte sich in einer Aufwärtsspirale hastig durch die flimmernde Waldluft und verschwand in einem grellen Sonnenstrahl zwischen den sanft sich wiegenden Baumwipfeln. Das Licht brachte seine matt gewordenen Pupillen zum Leuchten, als sein Blick für einen kurzen Moment den sommerhellen Himmel absuchte. Während alles in unmittelbarer Nähe in seinem Kopf nicht vielmehr als ein nebelhaftes Abbild ergab, trug der Horizont stets eine rubinrote Sonne über der Endlosigkeit seiner subtilen Rundung, wie eine untergehende Perle eingefasst in goldbronzene Schleierwolken und wann immer er in die Ferne sah, ob morgens, mittags oder abends, so hing sie stets an derselben Stelle und lockte und bezauberte ihn.

Ich bin krank. Niemand sieht es, denn die Krankheit ist in mir. Manchmal tobt sie so unerbittlich, dass ich durch meinen Magen wühlen und sie aus meinen Eingeweiden kratzen möchte. Jeden Tag spüre ich sie kommen; mit einem süßgiftigen Windhauch kündigt sie sich an und dann beginnt es, beginnt ohne Gnade, beginnt in mein Inneres zu kriechen, mich zu vernichten. Ich höre noch das ruhige Rauschen der Blätter, das den Gesang der Vögel bettet und irgendwie höre ich den Klang der Luft zwischen mir und dem Licht, das tausendfach gebrochen durch das Blattgewirr fällt bis plötzlich alles von einem Vakuum verschluckt und verschlungen wird, das mich zu Boden wirft.

Das Licht verfinstert, wenn sie kommen. Über den Boden legt sich scharfer Frost und die Bäume lassen ihr Blattwerk ebenso wie mein Kopf das Haar. Dichter Nebel füllt den engen Raum zwischen krummgewordenen Stämmen und wälzt sich über herbstnasse Erde wie ein zu schweres Betttuch, das mir das Licht von den Augen leckt bis sich meine Lungen nur noch schwer mit Luft füllen.

Die Stille tobt, hallt allzu laut in meinen Ohren wider und kriecht so tief in das endlos verwirbelte Schneckenhaus in meinem Kopf, dass sich meine schmalen Glieder beugen und strecken wie Äste im Orkan und zu klammem Boden schlagen und welkes Laub aufwirbeln, das im Nebel zerfällt.

Meine Haut ist zu eng und mein Schädel zu klein um das Innere zu halten und die Gedanken zu hüten, meine Brust ist ein Käfig und meine Beine sind Fesseln, an eine Schiene gekettet, die nur eine Richtung kennt: fort.

Mein Hirn friert in dieser Kälte. Der Frost kriecht den Nacken hinauf und dringt in meinen Hinterkopf wie Messerspitzen. In meiner Brust bebt ein Schwarm, während meine Finger dünn wie Zunderholz den kahlen Schädel abtasten und schmerzhaft versinken in weichen Waben, die zuvor mein Haar gehalten hatten und nun aufgegangen waren und all den Eiter, all den klumpig gewordenen Ruß und Schmutz hervorspeien, der sich unter einem glasigen Schädelknochen gesammelt hatte. Zum Vorschein kommen in Speichel sich windende Larven, schwarz geworden vom Hunger…

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