Mehrzeiler

APHORISMEN

 

Manchmal bedeutet das Fischen nach der Magie vergangener Momente Erfüllung. Manchmal ist der Köder flüchtig, manchmal auch das Wasser tot.

Der Zahn der Zeit hat mich gebissen und Wunden in mein Seelenfleisch.

Meine Worte zerbrechen an deinem Ohr.

Auf dem Weg das Ziel vergessen und den Weg nach Hause.

Die Zukunft ist ein Spiegel und du siehst durch dich hindurch.

Wie konnte aus “Ich denke, darum bin ich” nur “Ich denke nicht, ich bin” werden…

Manche spucken nur schlaue Worte, die sie von klugen Köpfen geleckt haben.

Irgendwann stellst du fest, dass all die Dinge, mit denen du dich abgelenkt hast, von dem Gedanken vergiftet sind, den du nicht zuließt.

Du bist ein Widerspruch in mir.

Mir ist das Rad zu rund.

Im Kopf der Kaffeesatz der letzten Jahre und in der Brust brüht der leere Filter.

Dritter Stock, es klopft am Fenster. Ich mach auf und nicht mehr zu.

Ich setz mich auf deine Wimpern, kann mich von hier gar nicht mehr sehen.

Peter Pan und die Welt als Unwille und Entstellung.

Und als ich noch nach dem verlorenen Faden suchte, war der Boden unter den Füßen mir entglitten und ich fand ihn um meinen Hals geschnürt.

Stunden starrte sie ins Mikrofon und er nahm alles auf.

Warum sollte der Wein atmen können, wenn ich es nicht kann.

Vom Kopf der kranken Mutter hängen zahllose Nabelschnüre mit toten Ideen.

Die Seewalze, ach so paranoid, fraß sich eines Tages selbst von hinten auf.

Krähenfüße auf der Brust, dort wühlen sie nach Nebel.

Die Welt ist voller einsamer Seelen, die einander nicht finden. Die Augen stets ins Körperinnere gerichtet, sehen sie nur sich selbst.

Manch ein Dämon verließe den Körper schneller, würde man ihn nicht immer wieder zu Tisch bitten.

…und irgendwie höre ich den Klang der Luft zwischen mir und dem Licht.

Bei ihr war Chorgesang im Ultraschall.

Eigentlich ist Nostalgie nichts anderes, als der latente Schmerz, an einen Ort gezogen zu werden, an den man nicht mehr hingehört.

Etwas polterte in ihm. Das Haus erschrak.

 

FRAGMENTE

 

»Weißt du, es gibt Leute, wenn ich sie anlächele, aber sie nicht wirklich mag, dann fängt mir mein Mund an wehzutun. Spätestens dann weiß ich, dass sie keine schöne Seele haben oder sie halt verstecken. Und dann sage ich ihnen einfach, dass sie nicht böse sein sollen, aber dass ich keine Lust mehr hab, mit ihnen zu reden und dann gehe ich. Aber manchmal, da kann man nicht einfach gehen. Und dann, ja, man lächelt sie einfach weiter an, aber irgendwann spürt man gar nicht mehr, was der Mund macht und wie man überhaupt guckt.«

Er ließ seine Augen in den letzten, bukettreichen Rest im Weinglas plumpsen und schwenkte sie darin, zuerst bedächtig, dann immer zerstreuter. Es war wieder soweit, ein Tiefpunkt. Der gesamte Inhalt seines Zimmers verwandelte sich. Aus sentimental-wertvollen Memorabilia wurde ein farbloser Haufen Plastik, ein Planetarium heliumgefüllter Himmelskörper, die seine Sonne verdunkelten, leicht und leer in seinem Kopf emporstiegen und sich an der Schädeldecke sammelten.

 

REIME

 

In D-Dur und dissonant
stimmt er an zum Totentanz.
Tausend mal erhebt er sich,
verbeugt sich vor dem Spiegel-Ich.

Ich geb’ zum Weiden meinen Leib,
hab meine taube Brust entzweit,
rufe dich zum Festtagsmahl,

niemand kommt;
und noch einmal.

Ein Komma trennt das Heut’ von Morgen, bis es zu einem Punkt wird, der beendet,
was heute nie begonnen und morgen vielleicht endet.

Wenn die Welt sich unaufhörlich dreht
und man selbst gelähmt daneben steht.

Zutiefst verachtenswerte Zeit,
höchst verhasster Wust von Weilen,
Uhrwerk der Unendlichkeit,
zu eurem Ursprung will ich eilen.

Raupen raunen
Bäume, Pflaumen
In leeren Räumen
Von Leergut träumen

© Joona Vessmier
2016

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