»Königsblau«

Eine Legion in königsblau.

Ein Tagesablauf im Takt des Metronoms; aus der Reihe getanzt wird nicht, denn das Selbstbild ist fest mit der Gruppe verwachsen und davon losgelöst nicht mehr als ein treibendes Fragment in aufgelösten Träumen und erstickten Identitäten.

Schon morgens, nach dem immer gleichen Klingeln des Weckers zur immer gleichen Zeit, wird in routinierter Choreografie jedes Anzeichen von Eigenheit vom Gesicht geschabt und umschlossen von wohlriechendem Narkotikum das Waschbecken heruntergespült. Jede Ecke und jede Kante wird so lange mit revitalisierender Creme auf dem äußerlich alternden Gesicht des innerlich jungen Trägers weichgeschmiert, bis nicht mehr als eine duftende Maske mit müden Augen zu sehen ist. Der pedantisch sortierte Kleiderschrank spuckt jedes Mal dasselbe weiße T-Shirt aus, das ein bisschen mehr Weichspüler vertragen könnte, Hemd, Hose, dunkle Socken und, sofern im Träger der Wunsch nach etwas Lebensgefühl aufkommt, vielleicht auch die schwarzen Calvin Klein Shorts. Die unscheinbaren aber eleganten Manschettenknöpfe schnüren die Handgelenke ab und die dunkelblaue Seidenkrawatte den Kopf, aber sobald in das straff geschnittene Jackett geschlüpft wird, sollte der aufrechte Gang funktionieren und der Eindruck von Entschlossenheit, Erhabenheit und Seriosität gewährleistet sein. Zur Vollendung der Uniform werden noch zwei oder drei, manchmal auch vier kurze Spritzer aus dem aquamarinblauen Flakon auf Hals und Brust verteilt – frisch, sportlich und elegant, keine Experimente.

Der flache, schwarze Aktenkoffer, der ebenso glänzt wie das eingecremte Gesicht, beherbergt den seelenlosen Lebensinhalt und hält selbst ihn hinter zwei kleinen Zahlenschlössern fest verriegelt. Beim Gehen schwingt er nicht dem Gang entsprechend.

Das Auto riecht nach Neuwagen und Leder, jede kleine Taste, jeder unscheinbare Knopf bettet sich wie ein Juwel in das dunkle Armaturenbrett, nicht ein Staubkorn verunziert das fabrikneue Innere. Der Motor startet auf bequemen Knopfdruck, die Navigation wird initialisiert, beginnt von Abwegen und Abstechern zu erzählen, von farbigen Orten hinter grauen Tannen und beigen Hügeln und wird sofort übertönt vom aktuellen Verkehrsservice. Auf die immer gleiche Stimmfarbe des Moderators ergießt sich nach wenigen, ereignislosen Sekunden das schale Wasser der immer gleichen Guten-Morgen-Radiolieder. Es spült die müden Hirnwindungen durch, denkt er sich, und bald schon tippt er zu immer gleichen Takten auf dem großen Lenkrad mit dem prestigeträchtigen Emblem. Der USB-Port für den iPod blieb bisher unbenutzt und wahrscheinlich würde dieselbe Musik durch das Vakuum des Fahrzeugs schallen, wie im Radio – nur ohne das Gerede.

Immer wenn sich der Fahrersitz langsam aufzuheizen beginnt und die Scheiben dank der Lüftung nicht mehr beschlagen, biegt er rechts ab und hebt in routinierter Manier Zeige- und Mittelfinger der rechten, auf dem Lenkrad ruhenden Hand, um das entgegenkommende Auto zu grüßen. Man kennt sich vom Sehen. Vom täglichen Sehen an dieser Kreuzung. Nach wenigen Minuten folgt der Zwischenstopp an der Bäckerei. Einen Kaffee, grau, zwei Zucker. Manchmal glaubt er in den Augen der Bäckerin etwas erkennen zu können – vielleicht Empathie, vielleicht eine leichte Weitung der Pupille, aus der er eine rettende Hand sich strecken wähnt; vielleicht ist es aber auch nur ihr freundlicher Standardblick, bei dem man noch ein warmes Croissant mehr kaufen möchte und einem der durchschnittliche Kaffee noch etwas süßer schmeckt. Den dampfenden Papierbecher stellt er auf das in zögerlichen Morgensonnenstrahlen funkelnde Dach und zündet sich eine Zigarette an. Dass er danach einen Geschmack im Mund hat, als hätte er auf modrigen Kartons herumgekaut, bemerkt er nicht mehr.

Kurz vor Ankunft reiht er sich in einen Konvoi einströmender Dienstwagen ein und folgt ihm zu seinem persönlichen Tiefgaragenstellplatz. Der Tag beginnt, der Mensch endet.

In ihren dunklen Anzügen krümmen alle ihr Kreuz ob des erhobenen Zeigefingers, der sich diagonal durch ihren königsblauen Käfig streckt. Leistung aus Leidenschaft. Er versteht mindestens zwei Begriffe im Slogan nicht.

Abends, auf dem Weg zum Wagen, weicht das antrainierte Lächeln langsam einer entleerten Mine, die wieder etwas älter geworden war und am nächsten Tag noch etwas mehr Creme benötigen würde. Das Parfum hat sich verflüchtigt und vermengt mit seinem Eigengeruch. Im Auto atmet er kurz aus, was er den ganzen Tag über inhaliert hat, lockert den Krawattenknoten und legt die Manschettenknöpfe in den Getränkehalter im Armaturenbrett. Für einen kurzen Moment schießt ihm Farbe durch die Augen, dann fährt er los.

Rote Lichter ziehen sich wie Wegweiser durch die Dunkelheit und er folgt ihnen zu seiner Ausfahrt. Der Verkehr lockert sich und das Xenon-Kurvenlicht streift hastig tastend durch den Wald an der Straße. Das Navi zeigt im Nachtmodus den Ort hinter den Bäumen.

Er zündet sich eine Zigarette an.

© Joona Vessmier
2013

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