»Kohlenkropf«

Wo Häuser und Häuschen aus Holz und aus Stein sich türmen am Wasser – aufeinander und nebeneinander – wo sie sich beugen und die Dachkiele wie hochgezogene Augenbrauen weit über die nackten Astspitzen zerstreuter Eichen ragen, wo der Himmel wie blankes Stahl auf schwarzer Erde lastet und Nächte sich wie Teer durch die schmalen Gässchen ergießen, dort steht eine kleine Rundbrücke und streckt knarzend ihre Beine aus Holz über eine gefrorene Ader.

Die Männer dort tragen die Hüte tief im Gesicht und die Kragen ihrer langen Mäntel emporgefaltet wie die Flügel eines Raben, der zum Flug ansetzt. Morgens und abends hört man das Scharren schweren Schuhwerks auf Rollsplitt und Schnee. Nur selten sieht man ein Auge silbern durch die Menge blitzen.

Die Frauen sind selten und laufen gebückt. Schwarze Schleier wellen sich wie bleiernes Meereswasser so tief von ihren Gesichtern, dass sie die Kinderwägen, die sie vor sich herschieben, ganz bedecken. Manchmal, wenn ein Windstoß unter den Stoff fährt und ihn anzuheben droht, greifen ihn von innen acht Finger weiß wie Fischfleisch und pressen ihn zurück ans Gesicht. Man hört sie nicht.

Manchmal, wenn der Wind in tiefen Tönen vom Hang pfeift, sich durch leere Straßen abwärts drückt und unter alte Dachziegeln wie Orgelpfeifen schlüpft um sich am Fluss zu mehreren, sich auf dem Eis zu tanzenden Laubwirbeln zu sammeln und am Ende der Stadt zu sterben, greifen bei diesem klanglosen Lied alle Männer ihre Hüte, halten sie fest, und die Frauen plustern sich wie schwarze Hennen, beschleunigen ihren Gang und verschwinden in den hölzernen Mündern fensterloser Häuser.

Nachts, wenn der Teer aus dem Himmel über das Städtchen schwappt und zwischen den Häusern zu undurchdringlicher Schwärze stockt, sieht man nicht ein Licht unter den Haustüren hervorscheinen. Die Kinder sitzen in finsteren Kellern und ächzen während die bemäntelten Mütter etwas aus dem kalten Küchenofen löffeln und ihnen unruhig glucksend verabreichen. Vielleicht reden sie ihnen gut zu. Die silbrigen Pupillen der jungen Abkömmlinge durchquellen schwärzliche Schwaden. Nur das beharrliche Schaben des Löffels auf Stahl, das ungestüme Schlucken der Kinder und das unstete Gurren der Mütter bieten der Stille Einhalt (…)

© Joona Vessmier
2014

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