»Graphit«

„Ich bin nicht der Schmied für den man mich gewöhnlich hält, ich bin nichts weiter als schlampig aufgetragenes Graphit auf einer unvollständigen Skizze, deren Blattränder so wenig auszumachen sind wie der schleierverhangene Horizont eines Novemberabends und umso schwieriger gestaltet es sich offensichtlich für die musikalisch führende Hand des Schicksals das Potenzial seiner kleinen Zeichnung zu kalkulieren, um etwa bei einem entscheidenden Strich, einer träumerischen aber nicht weniger wichtigen Kurve oder gar der endlichen Signatur nicht mehr genügend Papier übrig zu haben. Farbe steht mir nicht und so tupft und zieht und drückt die Mine Körperform und Körperteile, mal mit Bedacht und Vorsicht in respektvoller Choreografie und mal von leidenschaftlicher Ungeduld getrieben aus dem Papier, bis in kräftigem bis blassem Grau die nie zu vollendende Gestalt aufstrebt“.

Unruhig setzte er sich in seinem gepolsterten Holzstuhl auf, bis er wieder ein Stückchen weiter einsackte nur um diesen Vorgang während seiner Gedankenweberei mehrfach zu wiederholen. Auf der kleinen Straße unter ihm war die Geschäftigkeit abgeklungen und alles was den Raum füllte war der unablässige Chor der Grillen aus den warm dampfenden Wiesen über die sich dunkelrot gefärbter Rauch eines nahen Holzfeuers wälzte. Die Sonne erschien ungewöhnlich groß über den höchsten Baumwipfeln und wie eine schwere überreife Frucht an einem dünnen Ast hing sie besonders tief und ergoss ihren zähen Nektar in die sich damit vollsaugenden zarten Wolkenbänder darunter. Warum sich dieses Bild in seiner Brust bitter widerspiegelte und ihm war, als zögen ihm Fäden den Magen aus dem Mund, konnte er sich auch dieses Mal nicht erklären, fest davon überzeugt war er jedoch, dass nur er diesen hungrigen Sog hinter seinen Augen trug, der überschäumend und gewaltig seine Wahrnehmung fütterte. Es war der Geschmack von Erbrochenem der seine Kehle auf und ab kroch, wie eine voll besetzte wankende Gondel, die einem Uhrwerk gleich in regelmäßigen Abständen zwischen Berg und Tal fuhr, aber statt ihre Fracht an einem der beiden Enden zu leeren fügte sie ihrem pechschwarzen Inneren bei jedem Mal ein weiteres Quäntchen dieser viskosen Giftmasse hinzu, die sich in rostbrüchiger Hülle verband und vermischte, sich zersetzte und aufkochte, faulte und zu neuer, schmerzhaft an ihm zehrender Blüte aufging.

„Es ist der Zwiespalt der mich spaltet und der Wahnsinn der mich treibt in richtungslose Einsamkeit, es ist das tote Ende meines Weges, die Öffnung in der Vene, aus der ich von immerwährender Zirkulation entrissen und verdammt wurde zu vertrocknen an einer Luft, die mich erstickt und unter einer Sonne, die mich verbrennt. Für einen der verabscheut, hasst und meidet, der sich presst in Lücken einer Existenz im Leim, der die Welt so dicht zusammenhält, der sich sehnt und trauert um verloren Geglaubtes und tot Gedachtes, einen der sich umsieht und zurückblickt und aufhebt, für den ist der Weg eine Drehung im Kreis, Pirouetten im Dunkel“.

Wieder setzte er sich auf, diesmal stieß er dabei einen tiefen Atemzug aus, der verbraucht für viele Sekunden in seinen Lungen saß und seine Augen musste er in einem Augenblick bewusster Gewalt von einem leeren Punkt an der Wand reißen, an dem sie sich festgeklettet hatten. Sein Gesicht spannte, so als würde jeder einzelne Muskel in gegensätzliche Richtungen streben, sich beugen und dehnen und ohne sich im Spiegel zu betrachten oder sich zu berühren, spürte er die zahlreichen tiefen Falten und Dellen, Beulen und Knoten, die seine Haut entstellten und das Gewebe in ungeheure Anspannung versetzten, doch so sehr er sich auf seine offenbar entgleiste Mimik zu fokussieren versuchte, so sehr schien es ihm, würde sich die Lage verschlimmern und Schmerzen bereitete es ihm auch.

„Ein Matrosenlied dem letzten Passagier, der an Bord ging und blieb als das Schiff vom Kurs abkam und sank und blieb als es am Grund aufschlug und brach und blieb bis die letzte Luftblase aus der Tiefe stieg um an stickiger Luft zu zerplatzen und blieb bis sich das Wasser die letzten treibenden Körper holte und einverleibte und sie in seinem endlosen salzigen Schlund verdaute und kein Stückchen mehr ausspuckte“.

Er verließ das Haus und trat auf den warmen Asphalt der alten ausgefransten Straße, die über viele Jahre immer schmäler geworden war und in elliptischer Form das Dörfchen umrundete, das er von früher so liebte. Hier und da stand ein Bauer, der am nahen Feld seinen Karren mit duftendem Heu belud, das einem Haarschopf gleich im Wind sich wog, ein Kind mit einem Körbchen voll Blumen, das die Hand der Mutter hielt und Ladenbesitzer, die ausgelegtes Obst und Gemüse verpackten und einholten, um es über Nacht aufzubewahren und inmitten dieser statisch anmutenden Szenerie stand er und stand in Flammen und atmete schwer und tief, mit keinem Ziel vor Augen, als er losging, aber einer Ahnung. Die Menschen richteten ihre Blicke auf ihn, hefteten sie an seinen Körper und seine Fersen als er an ihnen vorbeischritt und klebten sie an seinen Rücken, als er langsam hinter einer Kurve verschwand wo das Sonnenlicht die höchsten Dachkiele noch streifte und erschöpft in das weite Tal dahinter fiel um zu erlöschen, dort wo die Bäume tief wurzelten und hoch wuchsen und die Berggipfel weiß leuchteten während ihr Fuß sich grün streckte. Wo der Anstieg zu Feld und Wiese sich erhob, tauchte er wieder auf, setzte Fuß vor Fuß bis er wieder verschwand und die Augen der Gaffenden feucht und klebrig von seinem Rücken fielen und er ging Runde um Runde und Schritt um Schritt, die Augen in die Stirn gerollt und Runde um Runde wurden die Risse im Asphalt gewaltiger und das Sträßchen schmäler und verband sich mit dem Staub und der Erde, die es umgab und als das Licht vom Himmel zog und seine Schritte immer größer wurden, bis er mit einem Mal stehen blieb vor dem Haus, aus dem er kam und vor den bebenden Augen der offenbar am Fleck verwurzelten Menschen stand und sich sein Blick aus seinem Inneren nach Außen drehte, sah er wie ihre Gesichter fahl geworden waren und ihnen jeglicher Ausdruck entwichen war, wie die Körper in ihren Kleidern eingesackt und ihre Haare ausgefallen waren, wie ihre Haut weißer Asche glich und ihre Augen groß und rotbraun wie faulige, aufgeplatzte Äpfel in ihren Köpfen steckten. Im Korb des Mädchens brodelte Fleisch und Galle und auf dem Karren des Bauern türmte sich blutleeres Vieh und als zupfte etwas an einem Fadenknäuel, dem der Arm eines jeden der Umherstehenden verbunden war, zeigten sie in grotesker Synchronität auf ihn, der da seine Runden unterbrochen hatte und stehen geblieben war und zurückstarrte, das kollektive Entsetzen absorbierte, bis sich seine Pupillen zitternd wieder zurück in den Kopf drehten und all die Finger zeigten auf ihn, der da langsam hinkend seinen Gang fortsetzte und zeigten auf den weißen Kraken, der auf seinem Kopf saß und am ihm saugte, die Fangarme um sein Haupt geschlungen wie nasse Haarsträhnen, die pulsierend mit ihm verbunden waren.

© Joona Vessmier
2012

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