»Du hast den Wald schon immer geliebt«

Du hast den Wald schon immer geliebt, besonders bei Nacht. Wenn die Welt schlief, warst du wach, dann wagte sich dein Verstand aus seiner luftdichten Kapsel ein Stückchen weit in die Sicherheit des Dunkel, hinaus an die Luft, um ein wenig von dem zu spüren, was du dir sonst verwehrtest – Bewusstsein. Nachts war die Welt ein schönerer Ort. Die Schatten verhüllten sie nicht, nein, erst sie machten das Schöne für dich sichtbar, erlaubten deinem Blick besonnen durch die Ferne zu schweifen und das Gesehene nicht sofort wieder an der Rückseite deiner Augen abprallen zu lassen. Nachts trugst du dein Inneres nach außen und ließest es im Mondlicht aufgehen; deine geballten Fäuste lösten sich und deine erfrorene Mimik taute.

Du hast den Wald schon immer geliebt und immer wenn der Tag kippte und in einem letzten Atemzug ins Dunkel überschwappte, zog es dich hinaus. Erst nachts, wenn der Tag den Atem anhielt, bekamst du richtig Luft und so führte dich die hungrige Motte in deiner Brust immer denselben Weg entlang ins Ungewisse, bis sich die dunkelrot flimmernden Lichtgeschwüre irgendwann selbst im Astgewirr erstickten und du dich unter dem Geleit der Sterne, die sich in der schmalen Schneise zwischen den Baumkronen über dir sammelten, sicheren Schrittes tiefer in den Wald bewegtest. Immer dann, wenn dein Körper diesen Moment absorbierte, öffnete sich deine Brust wie eine Blüte aus Fleisch und Knochen und aus ihrem Innersten kroch eine Motte aus ihrem Kokon von feinstem Eigengrau. Du lächelst, als du dem weißen Rauschen ihrer Flügelschläge lauschst.

Ich taste mich durch die Dunkelheit, Schritt um Schritt, auf der Suche nach dir. Meine Augen huschen eilig von Baum zu Baum, an deren Stämmen sich fahles Mondlicht reflektiert, blasse Gesichter in das Holz ritzt, die mich anstarren, mich beobachten. Ich suche Orientierung in den Sternen, doch alles was ich sehe sind Äste, die wie endlos lange, dürre Finger von oben nach mir greifen. Ich gehöre nicht an diesen Ort, aber ich muss dich finden. Zwischen Herzschlag und Atemzug drängt sich ein dumpf waberndes Flüstern in meine Ohren, das überall aus dem Waldboden zu quellen scheint. Im Dämmerlicht der Mondnacht habe ich plötzlich das Gefühl zu erblinden, als sich meine Augen in einem Punkt in der Ferne verlieren, der schwärzer ist, als alle Schatten. Ich nähere mich, den Stimmen und starren Blicken zuwider und als mein Herzschlag lauter wird, klingt alles andere ab, als hätte es sich im Sog dessen verloren, dem ich mich nähere, das langsam Gestalt annimmt.

Mein Atem erfriert in meiner Lunge, mein Blick versteinert. Vor mir hockt es, den Hals abgeknickt, an einem verrotteten Baumstumpf. Eine Gestalt, so pechschwarz, dass sie das Licht um mich herum verschluckt; die Finger in das Holz gebohrt, der Blick verloren in der Spirale, welche die Jahresringe spinnen, manisch, entgeistert, hypnotisiert.

Ich habe dich gefunden.

© Joona Vessmier
2011

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